Im aktuellen Harvard Business Review schlägt Ram Charan vor, die Personalabteilung aufzuteilen. Seine Begründung lautet, dass Personalabteilungen zwei getrennte Funktionen erfüllen. Eine der neuen Abteilungen (wir könnten sie Personal A für Administration nennen) würde sich vor allem um Gehaltsabrechnungen und Arbeitnehmerleistungen kümmern und dem CFO unterstehen. Die andere (Personal FO?) würde sich auf Führungsaspekte und organisatorische Fragen konzentrieren. Ihre Aufgabe wäre die Verbesserung der Personalkompetenzen des Unternehmens, und sie würde dem CEO unterstehen. Charan erklärt, dass die Personalabteilung einen besseren Geschäftssinn entwickeln muss, um die Leistung von Unternehmen zu steigern, und dass diese Trennung dazu beitragen würde. 

Die Argumentation ist nicht uninteressant. Noch dazu ist das Konzept vielleicht zweckmäßiger als ein anderer Gedanke, der heute von vielen Zuständigen für Lern- und Entwicklungsaufgaben vertreten wird: dass L&E ganz von der Personalabteilung abgelöst werden sollte. Manche gehen sogar noch weiter, indem sie behaupten, die Personalabteilung behindere die Lernerfolge. 

Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, eine Personalabteilung zu strukturieren. Doch wenn wir Charans Argumentation folgen, dass eine Trennung erstrebenswert ist, wäre es vielleicht sinnvoller, statt vieler anderer, eher administrativ ausgerichteter Aufgaben in einem strategischen Personalabteilungszweig einen Lern- und Entwicklungsbereich beizubehalten. 

Bei diesen Überlegungen geht es jedoch um mehr als nur die Verwandtschaft der Funktionen. Wer über eine solche Trennung nachdenkt, sollte auch die folgenden sieben Punkte berücksichtigen, bevor er zur Tat schreitet:

  1. Die Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt. Warum einen Funktionsbereich aufteilen, der verzweifelt versucht, die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Aufgaben mit ihren ständig wechselnden Bedingungen so gut wie möglich in den Griff zu bekommen? Es würde nur zu weiteren Spaltungen, mehr Abschottung und weniger Kohärenz führen. Darunter würde die Kommunikation leiden, und die Bereitstellungs- und Planungsarbeit würden sich vermutlich verdoppeln. Wenn Lernaktivitäten getrennt von den Bereichen Engagement und Leistung verwaltet werden, dürfte es schwierig sein, konsequente Personalkonzepte zu verwirklichen.
  2. Personal- und Schulungsexperten sollten sich gegenseitig unterstützen und anregen und voneinander lernen. Ich habe schon oft festgestellt, dass nicht genug Zusammenspiel zwischen Personalfachleuten/-beratern und Lernexperten erfolgt, wenn es um ihre eigene berufliche Entwicklung geht. Wer keine Zeit hat, sich um seine eigene Weiterentwicklung zu kümmern, kann auch nicht zur Förderung und Optimierung der Mitarbeiter beitragen, die er unterstützen, beraten und schulen soll. Durch eine gegenseitige Verbesserung der Fähigkeiten sollte die Personalabteilung besser in der Lage sein, zum Erfolg des Unternehmens beizutragen.
  3. Personal- und Lernexperten haben mehr als genug zu tun. Es liegt auf der Hand, dass die Zusammenführung von Aufgaben in vielen Bereichen langfristig die sinnvollste Lösung ist. Das fängt bei Kennzahlen und Daten an. Die Personalabteilung hat in dieser Hinsicht vielfach einen schlechten Ruf. Aber auch L&E-Experten beschweren sich über den Mangel an aussagekräftigen Bewertungen. Anstatt also die Abteilungen auseinanderzutreiben, wäre es doch sicherlich besser, sie zu verbinden und damit die Nutzung aller nötigen Personalkennzahlen und Daten zu ermöglichen. Auch Berichte und Ergebnisse wären dann aussagekräftiger und „ganzheitlich“ und könnten wirkungsvoller präsentiert werden.
  4. Die Personalabteilung fördert Talente – Talente sind nur so gut wie das verfügbare/genutzte Lernangebot. Man hört manchmal das Argument, dass nicht die Personalabteilung Talente fördere, sondern dass jeder im Unternehmen daran beteiligt sei. Andere sagen, L&E fördere Talente durch Intervention, während die Personalabteilung den Vorgang lediglich verfolge und protokolliere. Was wirklich stimmt, spielt aber eigentlich keine Rolle. Hauptsache, die Personal- und die Lernabteilung arbeiten gemeinsam an der Personalentwicklung, denn Feindseligkeiten können wir uns in diesem Bereich nicht leisten.
  5. Die Personalabteilung leistet die „richtige Arbeit“, während die Aufgaben von L&E „keine richtige Arbeit“ sind. Das ist natürlich eine Verallgemeinerung und mit ziemlicher Sicherheit Unsinn. Lernen ist auch Arbeit. Lernen außerhalb des Arbeitsplatzes (d. h. in einem Schulungsraum oder beim E-Learning) ist kein Ersatz für Arbeit – es ist durch die Arbeit begründet und ergänzt sie. In Wirklichkeit gehen Lernen und Arbeit auf wunderbare Weise Hand in Hand. Wir lernen bei der Arbeit und arbeiten hart beim Erlernen neuer Fähigkeiten, die uns weiterbringen und besser arbeiten lassen. Nur durch Lernen können wir mit den laufenden Veränderungen in unserer Arbeitswelt Schritt halten. 
  6. Die Personalabteilung hat keine Ahnung von IT, und L&E-Leute interessieren sich nur für E-Learning! Auch das ist vermutlich übertrieben. Nach meiner Erfahrung hinken die allgemeinen Personalfunktionsbereiche jedoch tatsächlich hinter der technischen Entwicklung zurück (da IT nicht als Kernkompetenz angesehen wird), während L&E-Teams eher technisch versiert sind und E-Learning-Inhalte entwickeln können. Auch hier gilt, dass beide voneinander lernen können.
  7. Die Personalabteilung arbeitet rückblickend und reaktiv – L&E greift nach den Sternen und baut Luftschlösser. Diese Gegenüberstellung ist lächerlich, wird aber von vielen in der Branche weiterhin vertreten. Eine solche Polarisierung ist mit ziemlicher Sicherheit völlig überspitzt, doch wenn Lern- und Personalfragen zusammen verwaltet werden, bestehen bessere Chancen, beide Extreme auszugleichen und umfassende Personallösungen zu schaffen. Gemeinsam können die Personalabteilung und L&E von Innovationen, mehr Kapital und einem gesunden Realismus profitieren. 

Das also sind sieben Gründe, Unwahrheiten, Klischees oder Tatsachen, die fast wöchentlich irgendwo zum Thema Personal- und Lernmanagement geäußert werden.

Und trotzdem wollen manche Leute Lern- und Entwicklungsfragen aussondern und nicht als Teil des Personalbereichs ansehen. Ich befürchte, dass dies dem Lernbereich schaden würde, anstatt ihn von Zwängen zu befreien, und die Personalabteilung gerade jetzt schwächen würde, wo sie ihren Wert beweisen und etwas erreichen könnte und sollte.